Alt und gesund

Neulich habe ich  mich mit meiner Oma unterhalten. Über ihre Freunde, über ihren Urlaub und darüber, wie viele überhaupt noch da sind, agil genug sind um sich zu besuchen oder überhaupt wissen, wann das letzte Treffen war. Das hat mich sehr berührt. Hier ein Beitrag dazu, der trauriger geworden ist, als gedacht. 

Meine Oma ist 84 Jahre alt und mein Opa ist 85 Jahre alt. Ohnehin leben auch meine anderen beiden Großeltern, worüber ich sehr froh bin. Das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, wenn ich mich bei meinen Freunden umsehe.
Neulich habe ich mich mit meiner Oma unterhalten – über ihre Freunde, die Familie, es lief letztendlich auf ein Gespräch über das Leben hinaus.

Die beste Freundin meiner Oma ist genau so alt wie sie und war immer sehr sehr aktiv und agil. Ich habe über sie auch immer gedacht, dass sie enorm jung für ihr hohes alter aussieht. Dass sie sie alle überleben wird – schlichtweg nicht altert wie die anderen. Und dann ist plötzlich ihr Mann verstorben, sie wurde nachts in ihrem Haus überfallen – und dann war da mit einem Mal nicht mehr die Frau, die man kannte.
Vermutlich wären dies Ereignisse, die uns alle verändern würden – egal wie alt wir sind. Wenn man die Veränderung aber tatsächlich sieht, wird einem erst das ganze Ausmaß bewusst.

Die rüstige Rentnerin hat innerhalb von Monaten enorm abgebaut, ist gestürzt, erinnert sich nicht mehr, behauptet Dinge die nicht stimmen, ruft mehrmals täglich bei Urlaubern Zuhause an – sieht die Zusammenhänge nicht mehr.

Krankheiten, Demenz, darüber wird immer viel erzählt- Vor allem im Alter und wie es Betroffenen ergeht.
Meine Oma steht da aber an der anderen Seite. Wenn sie jemanden anruft um ihm zu gratulieren, hebt keiner mehr ab. Menschen die man früher auf der Straße traf, sieht man nicht mehr, Freunde erinnern sich nicht mehr an Verabredungen und kommen nicht. Die in der Vergangenheit geschätzten Unterhaltungen sind nicht mehr möglich, alles wird mehrmals erzählt.

Die geschätzten Freunde werden zu Menschen, die man nicht mehr erkennt, nicht mehr ernst nehmen kann – um die man sich mehr sorgt, als dass sie Kraft geben und Freude bringen. Meine Oma erzählte mir neulich: „Als wir im Urlaub waren, rief sie uns 3x täglich hier Zuhause in Deutschland an und sprach uns auf den Anrufbeantworter, sie würde sich sorgen – obwohl sie uns doch im Ferienhaus an demselben Tag auch schon angerufen hatte.“

Meine Oma kann selbst nicht mehr so gut laufen. Wenn ich sie besuche, steht sie allerdings meistens am Herd, krabbelt im Garten zwischen den Beeten rum oder löst Rätsel. Meine Großeltern sind älter als viele überhaupt werden und dabei führen sie ein sehr lebenswertes Leben, gestalten ihren Tag selbst und gehen ihren Hobbys nach. Sie sind alt und soweit eben auch gesund, aber das ist ja nicht alles. Denn wie ergeht es einem selbst denn, wenn um einen herum so viele liebe Menschen verschwinden.
Dann erzählt sie mir von Freundinnen, einer Gruppe in der sie zu viert waren. Davon leben zwei nicht mehr und der anderen wollte sie zum Geburtstag gratulieren und erfuhr dann, dass diese ins Heim gekommen war und sich an meine Oma nicht mehr erinnerte – nicht mehr mit ihr sprechen konnte.
Meine Oma hat dies furchtbar traurig gemacht.

Die Geburtstagsfeiern werden immer kleiner, was in dem Sinne nicht schlecht ist, weil meine Großeltern auch nicht mehr so fit sind wie mit 50, aber dennoch, die Menschen sind nicht mehr da, weil sie gestorben sind.
Da sind nicht nur hinterbliebene Verwandte die trauern, da sind auch Freunde, deren gesamter Freundeskreis sich immer mehr auflöst, die zunehmend mehr und mehr vertraute, geliebte Menschen verlieren. Überhaupt fällt mir auf, dass „Hinterbliebende“ das Wort „Liebende“ beinhaltet … wie treffend.

Meine Oma hat zu mir gesagt „Aber Laura, wenn es immer so weitergehen würde, dann würde doch auch niemand sterben wollen.“

Da hat sie leider sehr recht mit und das ist tieftraurig – trotzdem habe ich den Gedanken immer weggeschoben, dass auch Freunde und deren Gesundheit alles andere als eine Selbstverständlichkeit sind.

Von hinterbliebenen Freunden, im Alter meiner Oma, erwartet man doch irgendwie, dass sie damit zurecht kommen müssen; es eben der Lauf der Zeit ist – aber ist es nicht. Es ist doch eigentlich noch viel schlimmer, wenn es Alltag ist, dass die eigenen Freunde im Nebel ihrer eigenen Gedanke mehr und mehr verschwinden, krank werden und das Schreiben von Trauerkarten zu einer alltäglichen Beschäftigung wird.

Gerade deshalb rückt die Familie immer weiter ins Zentrum, gibt Halt und hilft vermutlich ganz unbewusst über die Verluste hinweg. Unter dem Aspekt konnte ich persönlich noch mal besser verstehen, warum es so wichtig für sie ist, dass ich anrufe, mich melde – für sie da bin!

 

3 Antworten auf „Alt und gesund“

  1. Da hast du dir wirklich ein trauriges Thema ausgesucht.
    Aber es spricht wieder einmal für dich, Beautytipps kann „jeder“.
    Sehr berührend, weil sehr einfühlsam geschrieben! <3

  2. Ja in schnelllebigen verrückten Zeiten wie diesen, sollten wir uns auf unsere Liebsten besinnen.
    Ich habe nach dem Lesen gerade erst direkt meine Großmutter angeschrieben. Die gute kann sogar mit whatsapp umgehen 🙂

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